Wir über uns

Eine Übersicht über den Verein anhand der Ausführungen zum 30-Jährigen Jubiläum.

30 Jahre der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie (SAK) – Ein kurzer Rückblick [1]

Vor gut dreissig Jahren definierten die Gründerväter der heutigen Arbeitsgruppe für Kriminologie das Forschungsobjekt wie folgt: „ Die Kriminologie beschränkt sich nach traditionell enger Auffassung auf die empirische Erforschung des Verbrechens und der Täterpersönlichkeit. Kennzeichnend für diese Position sind beschreibende Darstellungen der Gesamtkriminalität oder von Einzeldelikten sowie wissenschaftliche Einzelfall- und Längsschnittstudien. Unter psychologischen, psychopathologischen, psychoanalytischen und eklektischen Konzepten werden Lebensläufe von Straffälligen geschildert und Konfliktsituationen beschrieben. Die weitergefasste Konzeption in der Kriminologie bezieht aber auch die erfahrungswissenschaftliche Kenntnis über die Wandlungen des Verbrechensbegriffs (Kriminalisierung) und die Bekämpfung des Verbrechens, die Kontrolle des sonstigen sozial abweichenden Verhaltens sowie die Untersuchung der polizeilichen und gerichtlichen Kontrollmechanismen in die Analyse ein. Danach umfasst der kriminologische Gegenstand die Vorgänge und Entstehung von Gesetzen, die Verletzung von Gesetzen und die Reaktion auf Gesetzesverletzungen “ [2].

Ihre heutige Zielsetzung sieht die Schweizerische Arbeitsgruppe für Kriminologie darin, Wissenschafter, Fachleute und Praktiker regelmässig miteinander zu aktuellen Themen ins Gespräch zu bringen. Der Begriff der Kriminologie wird dabei in einem sehr umfassenden, interdisziplinären Sinn verstanden. Dies aus der Erkenntnis heraus, dass sich Wissenschaft, Forschung und Praxis nur so gegenseitig stimulieren und weiterentwickeln können [3]. Nach wie vor will sich die SAK somit in einem weiten Sinne mit Fragen der Kriminologie, deviantem Verhalten und möglichen Reaktionsformen befassen. Die damalige Weitsicht in Bezug auf das Forschungsobjekt hat sich somit bewährt und wurde zu einem wichtigen Merkmal für die Tätigkeiten der SAK, welche sich die Förderung der Kriminologie, insbesondere durch die Veranstaltung von ein- oder mehrtägigen Seminaren und die Herausgabe einer Reihe ‚Kriminologie‘ sowie einer Zeitschrift, zum Zweck gemacht hat. Sie versteht sich als vermittelndes Forum zwischen Wissenschaft und Praxis; besondere Aufmerksamkeit gilt der Kriminalitätsprävention und dem Straf- und Massnahmenvollzug [4].

Die Arbeitsgruppe wurde Ende 1972 gegründet mit einem Leiter, ohne Mitglieder und auch ohne Geld “ [5]. Die Idee, die Kriminologie in der Lehre, Forschung und Praxis in der Schweiz bekannt zu machen und eine Plattform für den Informationsaustausch zu schaffen, stammte vom späteren Gründungspräsidenten, Dr. Walter T. Haesler. Dieser schlug im Herbst 1972 an einer Sitzung des Schweizerischen Nationalkomitees für geistige Gesundheit vor, neben anderen Arbeitsgruppen, wie beispielsweise für die Selbstmordprophylaxe, eine für die Kriminologie zu gründen, um insbesondere in der Kriminalitätsprophylaxe tätig zu werden. Das Nationalkomitee war eine Kommission der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und hatte zum Ziel, sich im Bereich des seelischen Gesundheitsschutzes zu betätigen, namentlich in der Prävention, Früherfassung und Wiedereingliederung psychisch Kranker. Der Vorschlag stiess auf grosses Interesse, insbesondere weil sich die zukünftige Arbeitsgruppe für Kriminologie auch der Prophylaxe widmen wollte, einem Grundanliegen des Nationalkomitees. Am 7. Dezember 1972 fand die erste Sitzung der neuen Arbeitsgruppe statt. Ein anfängliches Ziel war es, neben der Verbreitung der Kriminologie, praktische Arbeiten im Hinblick auf die Verbrechensverhütung zu verfassen und Forschung zu betreiben. Dieses Anliegen konnte leider bis heute nicht umgesetzt werden, denn es überstieg und übersteigt auch heute noch die finanziellen und personellen Möglichkeiten des Vereins. Neben dem späteren Gründungspräsidenten des heutigen Vereins nahm u.a. auch der spätere Aktuar und Präsident der SAK, Dr. Wilhelm P. Weller, an der Besprechung teil. Das Jahr 1973 diente dem Aufbau der Arbeitsgruppe und der Vorbereitung der ersten Tagung. Diese wurde im Jahre 1974 in Olten zum Thema „ Jugendkriminalität und Schule “ (sic!) [6]. abgehalten. Noch im selben Jahr organisierte die Arbeitsgruppe eine internationale Tagung im Duttweiler-Institut in Rüschlikon zum Thema „ Neue Perspektiven der Kriminologie “ [7]. Diese wurde zu einem grossen Erfolg und machte die Arbeitsgruppe in den Fachkreisen auf einen Schlag bekannt. Ganz nach dem alten Sprichwort, wonach niemand Prophet in seinem eigenen Land sein kann, war das Echo jedoch im Ausland bedeutend grösser als in der Schweiz. Seit über zwanzig Jahren findet die Tagung nun zu Beginn des Monats März in Interlaken statt. Dies als Dank für den wiederkehrenden grosszügigen Beitrag zur Unterstützung des Seminars durch den Kanton Bern. Die Referate werden jeweils simultan übersetzt (deutsch – französisch und umgekehrt). Die Jubiläumstagung ist bereits die 32. interdisziplinäre Veranstaltung zu kriminologischen Themen, welche die Schweizerische Arbeitsgruppe für Kriminologie organisiert. Mitglieder und Freunde kennen und loben den so genannten „ Spirit of Interlaken “, welcher die Veranstaltungen auszeichnet.

Schon bald wurde der Wunsch laut, über ein Publikationsorgan zu verfügen, um den Gedankenaustausch über kriminologische Fragestellungen zwischen Theorie und Praxis im In- und Ausland zu ermöglichen. Im Jahre 1975 gab die Arbeitsgruppe die erste Nummer des Kriminologischen Bulletins heraus. Die Zeitschrift wurde dazumal noch auf einer manuellen Schreibmaschine getippt und in der Druckerei der kantonalen Strafanstalt Regensdorf gedruckt. Die erste Nummer umfasste 33 Seiten, erschien im Format A4, bereits damals mit orangem Umschlag. Im Jahre 1981 konnte Dr. Haesler die Redaktion des Bulletins an Prof. Franz Riklin und Prof. Jörg Schuh der Universität Freiburg übergeben, nachdem diese zuvor von Prof. Christian Nils Robert der Universität Genf betreut worden war. Die Zeitschrift wurde bis ins Jahre 1990 durch die beiden Freiburger Professoren herausgegeben. Danach ging die Verantwortung an Prof. Martin Killias über, welcher das Bulletin in Zusammenarbeit mit seinem kriminologischen Lehrstuhl in Lausanne bis im Herbst 2002 herausgegeben hat [8]. Im Jahre 1990 fand auch eine erste Reorganisation der Zeitschrift statt. So wurde ein Redaktionsstatut geschaffen, welches bestimmte, dass ein Redaktionskomitee bestehend aus drei Mitgliedern die redaktionelle Verantwortung der Zeitschrift trägt. Jede Publikation wurde von nun an durch zwei redaktionelle Mitarbeiter anonym lektoriert. Nur bei übereinstimmender positiver Beurteilung erfolgte die Publikation in der Zeitschrift. Diese Massnahmen und die Unterstützung durch den Lehrstuhl trugen zu einer Professionalisierung und zu einer qualitativen Steigerung des Inhaltes bei. Nach 12-jähriger Tätigkeit als geschäftsführendes Mitglied des Redaktionskomitees gab Prof. Martin Killias die redaktionelle Verantwortung ab. Der Vorstand der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie beschloss im Jahre 2002 nach intensiven Vorbereitungsarbeiten, das Bulletin nicht mehr wie bisher im Eigenverlag heraus zu geben, sondern diese Aufgabe einem spezialisiertem Verlagshaus zu übergeben. Im Herbst 2002 wurde in Zusammenarbeit mit dem Verlag Stämpfli AG in Bern die neu konzipierte und neu gestaltete Nachfolgezeitschrift des Kriminologischen Bulletins, die Schweizerische Zeitschrift für Kriminologie (SZK) zum ersten Mal herausgegeben. Für Veröffentlichungen in der Rubrik Forschung wurde das doppelte anonyme Lektorat beibehalten. Über die Publikation in den Rubriken Forum und Praxis entscheidet die Chefredaktion, welche die redaktionelle Verantwortung der Zeitschrift trägt, abschliessend. Diese setzt sich zurzeit zusammen aus Dr. Benjamin F. Brägger und den beiden Freiburger Strafrechts- und Kriminologieprofessoren Marcel A. Niggli und Nicolas Queloz. Die Zeitschrift wurde im Bereich der publizistischen Zusammenarbeit für Partnerorganisationen geöffnet. Diese sollen insbesondere zur Erschliessung der Praxis betragen, namentlich in den Bereichen Freiheitsentzug, der Polizei, der Bewährungshilfe und der Verwaltung [9].

Bisher konnten bereits vier Partnerorganisationen für die Zusammenarbeit gewonnen werden, nämlich die Schweizerische Vereinigung der Bewährungshilfe (SVB), die Schweizerische Koordinationsstelle für Verbrechensprävention (SKVP), die Schweizerische Gesellschaft für Rechtspsychologie (SGRP) und das Schweizerische Polizei-Institut (SPI). Zurzeit erscheint die SZK zweimal jährlich. Je nach Bedürfnis kann die Periodizität jedoch gesteigert werden. Das Abonnement ist in der Vereinsmitgliedschaft inbegriffen.

Im Jahre 1978 konstituierte sich die Arbeitsgruppe zu einem eigenständigen Verein. Sie blieb jedoch eine Untergruppe des Schweizerischen Nationalkomitees für geistige Gesundheit, bis dieses aufgelöst wurde und die Schweizerische Arbeitsgruppe für Kriminologie ihre vollständige Selbständigkeit erlangte.

Gründungsvater, Motor und Präsident während 13 Jahren war Dr. Walter T. Haesler, heutiges Ehrenmitglied der SAK. Danach übernahm Prof. Jörg Schuh, Kriminologe und Jurist, die Leitung des Vereines. Dieser verstarb jedoch im jungen Alter von nur 47 Jahren am 26. Februar 1991 im Amt. Der damalige Vorstand schrieb: „ Mit Herrn Professor Schuh verliert die Kriminologie eine Persönlichkeit von hoher Kompetenz und grosser menschlicher Ausstrahlung und die Schweizerische Arbeitsgruppe einen umsichtigen Präsidenten von internationalem Ansehen, der sich bleibende Verdienste erworben hat “ [10]. Der Verein stand damals unter grossem Schock. Der ehemalige Aktuar und Quästor, Dr. Wilhelm P. Weller, übernahm in der Stunde der Not das Präsidium, jedoch nur unter der Bedingung, die Strukturen des Vereins auszubauen und zu professionalisieren sowie die Arbeiten auf mehrere Schultern zu verteilen. Er gab auch bekannt, dass er das Amt nach einer Phase der Stabilisierung des Vereines weiter geben werde. Ihm gelang es während seiner Präsidentschaft, Ressorts zu bilden und alle Vorstandsmitglieder aktiv in die Arbeiten des Vereins einzubinden. Zum Dank für seinen jahrelangen Einsatz seit Gründung der Arbeitsgruppe wurde Willy Weller nach seinem Rücktritt vom Präsidium am 6. März 1996 zum Ehrenmitglied ernannt. Das präsidiale Zepter wurde an Herrn Bundesrichter Hans Wiprächtiger weitergegeben. Dieser verstand es, mit seiner offenen, kommunikativen und spontanen sowie menschenliebenden Art die Interlakener Tagung bei weiten Kreisen im In- und Ausland als nicht zu verpassende Veranstaltung im Bereich der Kriminologie zu festigen. Insbesondere sind seine Ansprachen während der jeweiligen Bankette als legendär zu bezeichnen. Nach sieben Präsidialjahren wollte Johny Wiprächtiger , dass die Geschicke des Vereins durch jüngere Kräfte bestimmt werden. Am 5. März 2003 wurde Prof. Nicolas Queloz (Universität Fribourg) zum neuen Präsidenten gewählt. Er ist seit über 30 Jahren der erste Präsident französischer Muttersprache.

Warum aber feiert die Schweizerische Arbeitsgruppe für Kriminologie gerade im Jahre 2004 ihren dreissigsten Geburtstag? Sie wurde Ende 1972 als formlose Arbeitsgruppe gebildet, welche sich im Jahre 1978 zu einem Verein konstituiert hat. Seit 1975 wird das Kriminologische Bulletin herausgegeben. Die Jubiläumstagung vom 3.-5. März 2004 war das 32. Seminar, welches durch die SAK veranstaltet worden ist. Alle diese Zahlen ergeben jedoch nie und nimmer die runde Zahl 30... Im Jahre 1974 organisierte die Arbeitsgruppe für Kriminologie indes zum ersten Mal eine Tagung. Der amtierende Vorstand hat deshalb dieses Datum ausgewählt, um die Ausdauer und Kontinuität der Aktivitäten unserer Arbeitsgruppe zu würdigen, insbesondere bei der Organisation von Fachtagungen und der Publikation der Referate in einem Sammelband. Die spontane und informelle Art und Weise der Gründung wie auch die stete und innovative Weiterentwicklung waren herausragende Merkmale der bisherigen Vereinsgeschichte und sind auch heute noch Vorbild und Antrieb für unsere Arbeitsgruppe. Wir wünschen der Jubilarin weiterhin ein fruchtbares und langes Leben zu Gunsten der Kriminologie in der Schweiz und im Ausland. Vivat, crescat, floreat !

Benjamin F. Brägger

alt-Präsident 

 

[1] Der nachfolgende Festbeitrag, welcher in der Schweizerischen Zeitschrift für Kriminologie 1/2004 publiziert worden ist, stützt sich sowohl auf umfangreiches Archivmaterial aus der Gründerzeit der Arbeitsgruppe, welches in verdankenswerter Weise vom Gründungspräsidenten, Dr. phil. Walter T. Haesler, zur Verfügung gestellt worden ist, als auch auf zusätzliche Gespräche, mit Dr. iur. Wilhelm P. Weller, ehemaliger Präsident der SAK und Prof. Martin Killias, langjähriges Vorstandsmitglied und langjähriger Chefredaktor des Kriminologischen Bulletins.

[2] Nicht datierte Informationsschrift des Schweizerischen Nationalkomitees für Geistige Gesundheit über die Ziele und Aufgaben der Arbeitsgruppe für Kriminologie.

[3] Informations-Flyer der SAK, herausgegeben im März 2003.

[4] Vgl. dazu Art. 2 Abs. 1 der Statuten der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie vom 26. August 1978.

[5] Kriminologisches Bulletin (KrimBul) Nr. 1, 1975, S. 31.

[6]Tempora mutantur, nos mutamur in illis und somit bleiben die Probleme und Fragestellungen wie sich zeigt die gleichen.

[7] Die Referate wurden in einem Sammelband publiziert : Schweizerisches Nationalkomitee für Geistige Gesundheit , Arbeitsgruppe für Kriminologie (Hrsg.), Neue Perspektiven in der Kriminologie , Zürich 1975.

[8] In dieser Nummer findet der geneigte Leser und natürlich auch die geneigte Leserin ein Inhaltsverzeichnis für das Kriminologische Bulletin von 1975 – 2001, welches sowohl nach Autoren als auch nach Stichwörtern aufgebaut ist. Dadurch sollen die während 27 Jahren publizierten Beiträge Interessierten und der Wissenschaft besser zugänglich gemacht werden. Die Chefredaktoren der SZK bedanken sich bei Herrn Raphaël Brossard, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie der Universität Freiburg, für die geleistete Arbeit.

[9] Vgl. dazu Redaktionsstatut Schweizerische Zeitschrift für Kriminologie (SZK) vom 7. März 2002.

[10] Der Verfasser des vorliegenden Jubiläumsrückblick durfte während seinen Studien an der Universität Freiburg zwischen 1988 – 1992 verschiedene Lehrveranstaltungen bei Prof. Schuh besuchen, namentlich das Fach Kriminologie. Er kann sich aus eigener Erfahrung voll und ganz den Worten des damaligen Vorstandes anschliessen.